Die Verletzlichkeit des Krieges

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Heute Morgen bin ich auf einen äußerst interessanten Artikel bei Spiegel Online gestoßen.

Jahrelang sammelte ein US-Fotograf ungewöhnliche Pausenbilder aus den größten Kriegen der Moderne: Die Aufnahmen zeigen nackte Soldaten. Zu sehen sind unbeschwerte Momente abseits des Schlachtfelds und ein besonderes System der Vertrauensbildung.

Der US-Fotograf Michael Stokes hat um die 500 Fotos von nackten Soldaten im Kriegseinsatz gesammelt und veröffentlicht diese nun in seinem Buch My Buddy.

Was mir vorher nicht bewusst war und ich für eine echt spannende Information halte:

Um das Konzept besser zu verstehen, muss man wissen, dass die US-Armee – das Militär in Stokes Heimat – Männerkumpanei seit jeher fördert. Bereits in der Grundausbildung werden die Rekruten dort als „Buddys“ zu einer Mini-Einheit zusammengesteckt. Jeder sucht sich einen Partner: Ausbildung, Kriegseinsätze, Mittagessen, Dusche, Klo – alles teilt das Soldatenduo fortan. Da bleibt es natürlich nicht aus, dass die „Buddys“ auch abseits der Kampfeinsätze enge Freunde werden. Das war auch während der Weltkriege so.

Ist das eine verifizierte Aussage? Und, wenn ja, warum haben wir in all den US-amerikanischen (Anti-)Kriegsfilmen davon bisher nicht viel** gesehen?

Diese Tatsache und das bisherige Verschweigen solch einer Realität erzählt uns viel über die Weise, in der Soldaten wahrgenommen werden sollen: Als hypermaskuline und zweifellos heterosexuelle Kämpfer fürs Vaterland. Dabei geht es nicht nur um etwaige Spekulationen, welcher Soldat nun homosexuelle Neigungen an den Tag legen könnte und damit eine „Gefährdung“ seiner Einheit und des gesamten Kriegsunterfangens darstellen würde. Nacktheit ist nicht nur mit Sexualität verbunden, sondern sie hebt auch eine entblößte, verletzliche Seite des unbekleideten Individuums hervor. Schlagworte wie ‚Unschuld‘ oder ‚Naivität‘ könnte man durchaus mit vergnügter, unbeschwerter Nacktheit verbinden. Jedoch sind Unschuld oder Lebensfreude ebenso wie Verletzlichkeit Begriffe,die wir nicht mit dem Kriegsalltag verbinden können oder wollen.

Möglich wurden die Schnappschüsse aber auch deshalb nur, weil sich die Fotografie zu Beginn des 20. Jahrhunderts rasant entwickelt hatte. Die beiden Weltkriege zählen zu den ersten in der Geschichte, bei denen Soldaten Privatkameras mit an die Front nahmen.

Dazu kann ich direkt persönlich Stellung beziehen*: Mein Großvater, der leider letzten Spätherbst mit 96 Jahren verstorben ist, hat selbst während seines Einsatzes im 2. Weltkrieg eine Menge an Fotos geschossen*, die hauptsächlich ihn und seine Kameraden im damaligen Alltagsgeschehen zeigen. In seinen Fotokisten habe ich zwar keinerlei Nacktfotos gefunden, aber Bilder in Badehosen waren durchaus dabei. Man vergisst zu leicht, dass auch Soldaten fernab jeder Ideologie (und damit meine ich sowohl die Alliierten als auch die Wehrmacht) am Ende des Tages ein Bedürfnis nach Freundschaft, Leichtigkeit und körperlicher Nähe besaßen. Vielleicht im Besonderen, da sie alle weit weg von ihren Familien und Freunden waren und diese lebensbedrohliche Situation sie unausweichlich zusammenschweißte.

Auch in „My Buddy“ wird das Thema Homosexualität im Militär auffällig ausgespart – wohl auch deshalb, weil Stokes und Hanson bei ihren Recherchen zu wenig über die Soldaten auf den Bildern herausfinden konnten.

Ich finde es eigentlich sogar gut, dass diese Bilder im Buch nicht sofort mit Homosexualität in Verbindung gebracht werden. Die kürzeste Erwähnung würde gleich jeglichen Diskurs des Buches auf diese Schiene umlenken und überschatten. Man würde vielleicht nur darüber reden, inwiefern es Homosexualität gab und wie diese ausgelebt wurde, anstatt sich auf die Sprache der Bilder im Kontext einer Intimität zwischen Kameraden zu konzentrieren. Dass es auch (geheime oder sogar ausgelebte) Homosexualität in Kriegseinsätzen gegeben haben muss, steht für mich außer Frage. Ich glaube aber nicht, dass sie ein Hauptelement in der Entstehung dieser Bilder ausmacht.

Was haben diese Bilder nun alle gemein? Nun, es sind schließlich Bilder, die Soldaten aller möglichen Nationalitäten und in diversen Kriegseinsätzen (2. Weltkrieg, Korea-Krieg, Vietnam-Krieg) zeigen. Für mich veranschaulichen sie eine Universalität von der Suche nach Geborgenheit, und ich bin wirklich überrascht, dass unabhängig voneinander Bilder von einer derart expliziten Nacktheit und Vertrautheit entstanden sind. Auf keinem der Bilder wirken die Männer befangen oder gar besorgt darüber, wie man sie im Kontext dieses Bildes sehen und verurteilen könnte. Diese Selbstverständlichkeit des entblößten Miteinanders sagt mir persönlich viel über ihr Verständnis von Kameradschaft und Vertrauen aus. Es ist eine Art von Lebensfreude, die ich fast schon etwas beneide.

Man sagt ja oft, dass Frauen untereinander einen engeren, vertrauteren Umgang pflegen und sich eher anfassen, umarmen oder küssen. Ich würde tatsächlich zustimmen, dass solch ein Umgang in unserer (europäischen) Gesellschaft als normal erachtet werden würde, für Männer diese Art von freundschaftlichem Umgang aber eher als außerhalb der Norm definiert werden würde. Dabei heißt es oft, dass Männer kein Bedürfnis oder nicht einmal die Fähigkeit besitzen, ihre Gefühle in dieser Weise zu zeigen. Stokes‘ gesammelte Fotos zeigen uns allerdings eine andere Wirklichkeit. Die Tatsache, dass diese Bilder nicht während einer Hippie-Veranstaltung, sondern inmitten des Kriegsalltages aufgenommen wurden, unterstreicht durchaus eine diskriminierende Haltung, die wir als Gesellschaft Männern gegenüber hegen, denen wir tiefe Gefühle und das eigenständige Initiieren von körperlicher Nähe in Freundschaften einfach nicht zutrauen wollen.

Wenn ich derzeit mehr ’spending money‘ zur Verfügung hätte, würde ich mir diesen Bildband wirklich zulegen. Die eigentliche Nacktheit der Soldaten ist für mich dabei eher zweitrangig, aber als Dokumente eines Alltags der Vergangenheit (und was uns dieser gegenüber unserer heutigen Darstellung zeigt) erachte ich die Fotos als äußerst wertvoll.

(*Sorry wegen der unbeabsichtigten kriegslastigen Sprache.)

(**Eine erfreuliche Ausnahme bildet da Platoon. Ist daher auch einer meiner absoluten Lieblingsfilme.)

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