Penny Dreadful: 01×01 „Night Work“

Standard

Vanessa Ives

 

 

 

 

 

 

 

 © Showtime

Explorer Sir Malcolm Murray, American gunslinger Ethan Chandler, and others unite to combat supernatural threats in Victorian London.

Mit diesem kurzen Snippet fasst IMDb Penny Dreadful für interessierte neue Zuschauer zusammen. And others? Diese Formulierung erscheint etwas befremdlich, wenn wir gleich neben dieser Kurzbeschreibung das süffisante Lächeln von Eva Greens Charakter Vanessa Ives erblicken. Diese Miss Ives ist es nämlich, die sich für mich recht schnell als eine der wichtigsten Personen dieser Serie herausstellte. Doch ich fasse erst einmal die Basics zusammen.

Die Hauptcharaktere von Penny Dreadful sind wie folgt:

  • Vanessa Ives (Eva Green)
  • Sir Malcolm Murray (Timothy Dalton)
  • Ethan Chandler (Josh Hartnett)
  • Dr. Victor Frankenstein (Harry Treadaway)
  • Brona Croft (Billie Piper)
  • Dorian Gray (Reeve Carney)
  • Sembene (Danny Sapani)

Brona Croft taucht zwar erst in der zweiten Folge auf, interagiert sogleich aber mit zwei der anderen Hauptcharaktere. Für mich ist jedoch fragwürdig, inwiefern Dorian Gray als Hauptcharakter angesehen werden kann, und ob Sembene überhaupt noch einen eigenständigen Part in einem Dialog erhält. Hier sind sie zumindest alle auf einem Cast-Foto vereint:

Penny Dreadful: Cast

© Showtime

Insgesamt treten in der Serie also zwei weibliche Charaktere in prominenter Weise auf. Dem gegenüber stehen (zumindest laut meiner Auflistung) fünf männliche Charaktere. Das finde ich eigentlich nicht weiter schlimm, da Vanessa Ives eine recht zentrale Rolle in der Serie zukommt, und da sich die Serie schließlich mit literarischen Gestalten auseinandersetzt, die durch ihr Geschlecht bereits festgelegt sind (im Falle von Gray und Frankenstein).

Als Frage stellt sich allein, ob man andere weibliche Figuren des späten 19. Jahrhunderts für die Serie hätte auswählen können. Mina Murray, die wir für einen kurzen Moment sehen, fungiert hier eher als Plot Device. Als ‚Damsel in Distress‘ ist ihre eigentliche Person nebensächlich, und das Vorhaben ihrer Rettung illustriert Sir Malcolm Murrays Absichten und weitere Geschichte innerhalb der Serie.

Meiner Meinung nach ist Mina in dieser Rolle als Figur etwas verschwendet, da man sie als eine weitere Verkörperung von Weiblichkeit im viktorianischen Zeitalter hätte verwenden können. Während Vanessa als eigenständige Dame der höheren Gesellschaft gezeigt wird und Brona das typische ‚Working Girl‘ darstellt, ist die ursprüngliche Mina in Dracula nämlich das Sinnbild des ‚Angel in the House‘: intelligent, adrett, tugendhaft und fleißig. Dieses Ideal prägte damals das Frauenbild der Mittelklasse, welches als Kontrast zu Vanessa und Brona hätte aufgebaut werden können.

Natürlich lässt sich allgemein diskutieren, welche Demografie in Penny Dreadful abgebildet wird. Als Amerikaner fällt Ethan Chandler etwas aus dem Schema heraus, doch es wird angedeutet, dass er aus der Oberschicht stammt und durch den Verlust des Familienvermögens bis in die untere Mittelschicht oder gar Unterschicht abgerutscht ist. Sembene, der als exotischer Bediensteter zu sehen ist, gehört wie auch Brona zu jenem Teil der Gesellschaft, der mit den wenigsten Rechten und finanziellen Mitteln ausgestattet ist. Ives, Murray und Gray sind alle Mitglieder der Oberschicht. Allein Frankenstein ist mir noch ein Rätsel, da er in Mary Shelleys Roman als Schweizer aus gutem Hause beschrieben wird, er in Penny Dreadful jedoch in einem Arbeiterviertel wohnt und einer eher unrühmlichen Arbeit nachgeht. Vielleicht deuten seine teuren Gerätschaften aber auf eine edlere Herkunft oder die Tatsache, dass er zu einem anderen Zeitpunkt einmal mehr Geld besessen hat (wie auch Ethan Chandler), hin.

Das Alter der Charaktere ist erfrischend hoch angesetzt: Keiner der Schauspieler ist unter 30, und sowohl Eva Green als auch Billie Piper bezeugen mit ihren 34 bzw. 32 Jahren, dass man für die heutige Serienlandschaft auch interessante Frauen ohne perfekte Pfirsichhaut erschaffen kann. Besonders im Falle von Eva Greens harten Zügen und Billie Pipers fleckig geschminktem Gesicht fällt auf, dass dem Zuschauer mit Absicht eine Abkehr von der Romantisierung der engelsgleichen Frauengestalt geboten werden soll. Allein Reeve Carney darf als Dorian Gray einfach nur makellos sein; alle anderen Charaktere kommen mit einer gewissen herben Schönheit daher (als weiteres Beispiel wäre Sembenes eigenartig rituell-vernarbtes Gesicht zu nennen).

Das Cold Open von „Night Work“ verdeutlicht uns, dass das viktorianische Zeitalter kein romantischer Ort war: Jegliche Unschuld wird dahingerafft, und im Dunkel der Gaslampen warten allerlei Abgründe. Es ist dreckig, kalt und äußerst blutig in dieser Welt. In der anfänglichen Szene (wie später auch im Intro*) wird das beabsichtigte Genre-Paket der Serie (Drama, Horror, Mystery, Thriller) passend und wortwörtlich packend in Szene gesetzt.

In der ersten Szene der Folge nähern wir uns als Zuschauer wie ein Voyeur der aparten Betstunde von Miss Ives. Obwohl ihre Kleidung hochgeschlossen ist und in ihrem satten Schwarz eher unaufregend daherkommt, suggeriert ihre breitbeinig kniende Pose doch einen gewissen sexuellen Unterton. Anstatt ihren Körper im frenetischen Gebet zu verkrampfen, sitzt sie fast herausfordernd emotional aufgewühlt und erregt auf dem Boden. Diese Darstellung erschafft durch ihre Bildsprache einen dunklen Erotizismus, von dem Vanessa von Anfang an durchdrungen scheint. Ihre Blicke wirken fast schon gefährlich, und man spürt, dass in ihr eine Art unheilige Kraft schlummert, was durch ihre Anrufung Gottes nur noch unterstrichen wird. Noch ist nicht klar, inwiefern sie sich für eine Tat oder eine besondere Kraft entschuldigen möchte und Erlösung sucht, oder ob sie einen Teil ihrer Persönlichkeit, der dem Übernatürlichen zugetan ist, unter Kontrolle halten oder gar abwehren möchte. Gegen Ende der Szene wirkt sie, als wäre sie von einer anderen Entität erfüllt oder zumindest, als würde sie gegen eine Übernahme ankämpfen. Ihre Nähe zu dämonischen Kräften (welcher Art auch immer) scheint jedoch sicher. Im Kontext des ausgehenden 19. Jahrhunderts wirkt Vanessas Performance eher subversiv als angepasst. Als Frau besitzt sie mehr Tiefgang und Geheimnisse, als man es ihr gesellschaftlich zugestehen wollen würde. Die Metapher der Spinne, welche vom christlichen Kreuz an der Wand bis auf Vanessas Arm krabbelt, sagt uns als Zuschauer, dass vielleicht auch diese Frau lauernd auf ihre Beute wartet.

In der zweiten Szene, nach einem abrupten Übergang, werde wir direkt mir dem besonderen Talent des Ethan Chandlers vertraut gemacht: Ein sicherer (und durchaus unterhaltsamer) Umgang mit Schusswaffen. Uns wird mitgeteilt, dass wir am 2. September 1891 einer Vorführung der „Colonel Brewster’s Wild West Show and Emporium of American Curiosities“ beiwohnen. Im Gegensatz zur Bedrohlichkeit der vorherigen Szene wirkt diese Veranstaltung am helllichten Tage freundlich, friedlich und bunt. Die Serie ist sich nicht zu schade, Ethan Chandler in einer furchtbaren General-Custer-Gedächtnis-Minipli-Perücke** und mit Rouge betonten Wangen auftreten zu lassen, schließlich verleiht das dem Ganzen eine gewisse Authentizität. Miss Ives‘ Augen folgen nicht den wild umher fliegenden Kugeln: Ihr Blick verweilt auf Ethan, und ihr süffisantes Lächeln (wohl ihr Markenzeichen) lässt verlauten, dass die Dame weiß, was sie will – und dies nun auch gefunden hat.

Die dritte Szene zeigt uns Ethan Chandler und eine seiner Eroberungen – hinter den Kulissen. Anscheinend kommt er nicht nur mit seinem Revolver schnell zum Schuss. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um zu gestehen, dass ich vor etwa 15 Jahren ein riesiger Josh Hartnett-Fan war und mir jeden seiner Filme angesehen habe. Ich hatte sogar eine E-Mail-Adresse auf einer großen Josh Hartnett-Fanseite und war vielleicht ein bisschen in ihn verknallt. Penny Dreadful leistet gute Arbeit darin, mir zu zeigen, warum ich ihn damals so toll fand: Er ist einfach ein Charmeur.

Das ist wahrscheinlich aber nicht der Grund, der zum Zusammentreffen von Miss Ives und Mister Chandler in der vierten Szene führt. Während sich Ethan im Pub einen Whisky genehmigt, tritt Vanessa an ihn heran und macht ihm von Anfang an klar, dass sie nicht an seinen Fähigkeiten als Western-Casanova interessiert ist. Natürlich ist Ethans Show, die sich um die Errungenschaften des General Custer dreht, eine erfundene Geschichte: eine ‚tall tale‘, wie er ihr erklärt. Und diese ist nun mal ein fundamentales Element der amerikanischen Folklore. Hier wird eine direkte Beziehung zum eigentlichen Titel der Serie erstellt: ‚Penny dreadfuls‘ sind schließlich das britische literarische Gegenstück zur meist verbal tradierten ‚Tall Tale‘ der Vereinigten Staaten (‚Nation of Story-Tellers‘). Ethan, der sich wohl in der Rolle des Schauspielers zu fühlen scheint, wird durch Vanessas Charakterstudie enttarnt. Sie sagt ihm auf den Kopf zu, dass mehr unter seiner Oberfläche ruht, als er vorgibt und sich selbst eingesteht. Ethan wirkt zwar getroffen, willigt aber auf Vanessas Angebot ein, sich etwas Geld für ‚Night Work‘ von fragwürdiger Legalität zu verdienen.

In der folgenden fünften Szene erleben wir das viktorianische London, wie wir es uns vorstellen: düster, neblig und voller geheimnisvoller Gassen. Vanessa begrüßt Ethan dieses Mal in einem hochgeschlossenen blutroten Kleid, welches trotz seines biederen Charakters eine unterschwellige Sexualität verspricht. Also beide eine von Chinesen geführte Opiumhöhle betreten, bemerkt der Zuschauer, dass man an gewissen Rassen-Stereotypen wohl einfach nicht vorbei kommt. Immerhin sind einige der Besucher stinknormale Nicht-Immigranten. In jenem Etablissement treffen beide jedenfalls auf Sir Malcolm Murray, von dem wir in diesem Moment nicht erfahren, weshalb er sich in der Opiumhöhle aufhält. Möchte er etwas vergessen oder einfach nur eine Besorgung erledigen?***

Die sechste Szene führt die drei Nachtarbeiter über den hinteren Teil des Drogenschuppens hinab in eine Art Keller. Murray hat zuvor keine Zeit verschwendet, sich Chandler vorzustellen, sondern schwört ihn darauf ein, sich über nichts Kommendes zu wundern und ohne zu zögern zu reagieren. Die Spannung steigt auch für den Zuschauer! Mister Murray vermisst wohl jemanden, den er nun sucht, daher hat er ein Treffen mit einigen seltsamen Gestalten arrangiert, die sich schon bald als Vampire entpuppen. Während Ethan seine anfängliche Verwunderung noch überwinden muss (Hat er denn gar nichts gelernt?), wird Vanessas Blick immer finsterer und durchdringender. Sie schließt stets mit Murray auf, während Ethan mit geneigtem Kopf das Ganze skeptisch aus der letzten Reihe zu betrachten scheint. Da sich Murray mit den Vampiren in einer seltsamen Sprache unterhält, erfahren weder Ethan noch wir als Zuschauer, was das genaue Sujet dieser Verhandlung darstellt. Als es unausweichlich zum Kampf zwischen Vampiren und den beiden Gentlemen kommt, wird Vanessa von den weinenden Rufen einer jungen Frau in einen hinteren bzw. noch weiter unten gelegenen Raum des Untergeschosses gezogen. Die Kampfszenen sind einigermaßen blutig, sind jedoch nichts im Vergleich zu dem, auf das Vanessa im nächsten Raum stoßen wird.

Szene sieben gleicht der Abschlussarbeit einer perfiden Maskenbildner-Klasse: Ein wahres Schlachthaus voller toter blutiger Leiber, Körperteile und, wie sich schnell herausstellt, neu geformter Vampire. Die Schreie, die Vanessa vernommen hat, führen sie nicht zu Mina Murray, die sie und Malcolm hier wohl gesucht haben. Stattdessen finden sie eine Reihe von weiblichen Vampiren, die entweder zusammen mit ihren Säuglingen entführt wurden und/oder sich als Neuvampire von ebendiesen ernährt haben. Als Ethan von einer Ratte in einem Leichenhaufen überrascht wird, erhebt sich von unter den Körpern überraschend eine Art Meistervampir, der schlussendlich nur getötet werden kann, da Vanessa ihn mit ihrem Blick irritiert und für einen Moment womöglich kontrolliert. Eine Mischung aus Angst und Verwirrung macht sich auf Ethans Gesicht breit: Er steht den beiden anderen weiterhin helfend zur Seite, jedoch wirkt er etwas überfordert mit der Welt, die sich ihm gerade zeigt – eine Welt, die offenbar nicht nur aus Geschichten besteht, sondern die unmöglichsten Monster real vor ihm erscheinen lässt.

In Szene acht treten Malcolm, Vanessa und Ethan mit den Männern des ‚Resurrection Trades‘ in Kontakt. Diese Truppe vermittelt wohl Leichen aus nicht ganz legalen Quellen an Ärzte, die ihren Schülern trotz Körpermangel geeignetes Material zum Aufschneiden bieten wollen. Mich fasziniert, wie im Hintergrund der Handlung nackte Körper in einer nicht sexualisierten oder geschönten Weise gezeigt und im naturalistischen Sinne auseinandergenommen werden. Auch hier wird von einer Romantisierung des viktorianischen Zeitalters abgesehen und ein eher düsterer Alltag beleuchtet.

Mit der frisch getöteten Kreatur kann sich das Trio nun an einen Schnippler wenden, dessen Namen wir erst gegen Ende der Episode erfahren: Dr. Victor Frankenstein. Dieses Sinnbild des verrückten Wissenschaftlers zeigt sich dem Zuschauer als akribisch arbeitender, wissbegieriger Mann, dem seine Forschung über alles geht. Seine geröteten Augen und sein antisoziales Verhalten deuten überdies auf seinen an Besessenheit grenzenden Stolz, den er aus seinen Befunden und Errungenschaften zieht. Victor ist genauso arrogant wie brillant. Nur durch Vanessas forsches Agieren und Aufdecken der mitgebrachten Leiche wendet sich Victor von seinem eigentlichen Studienobjekt ab und beginnt mit einer ausführlichen Analyse des vampirischen Körpers. Die spitzen Zähne, das hautähnliche Exoskelett und die subkutanen ägyptischen Hieroglyphen sind dabei die drei herausragendsten Merkmale, die Victor feststellt und die ihn daher vielleicht weiterhin an diesem Fall interessieren.

Szene neun ist eine recht kurze Szene, in der Ethan seine Auftraggeber konfrontiert und daraufhin zu einem Treffen eingeladen wird. Kann er sich diese Art von Abenteuer für die nächsten Jahre vorstellen, oder möchte er in seiner ‚Wild West‘-Show lieber weiter auf Tontauben schießen und anderen Lügenmärchen erzählen?

Ein thematischer Bruch findet in Szene zehn statt, die uns wieder zum Ort des Cold Opens führt. Der jetzige Tatort ist mit Blut beschmiert, und es kleben Fleischstückchen an Wänden und der Decke. Ein Fest für die Ohren ist auch der Polizist im Hintergrund, der sich lautstark übergibt. Man merkt schnell, dass es sich hier um eine Showtime-Serie handelt, denn auch der Anblick der beiden zerstückelten Leichen (von Mutter und Tochter) wird uns nicht vorenthalten. Die Schreiber versuchen hier, einen weiteren Plot in die Serie zu weben, die schlussendlich nicht nur von der Suche nach Mina Murray überleben kann. Noch haben wir keinen Anhaltspunkt, um welche Art übernatürliches Monster es sich handelt. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass Jack the Ripper in irgendeiner Art und Weise noch mit in die Geschichte eingearbeitet wird. Immerhin gehören er und Sweeney Todd mit zu den bekanntesten Protagonisten (oder Antagonisten?) der titelgebenden ‚penny dreadfuls‘.

In Szene elf begibt sich Ethan zu seinem am Vortag ausgemachten Treffen und wird wartend von Miss Ives überrascht. Sie führt ihn in eine kleine Bibliothek, in deren Mitte sich ein Tisch mit Tarotkarten befindet. Diese Materie scheint Ethan nicht fremd zu sein, denn er fragt sie geradeheraus, ob sie eine Wahrsagerin oder eine Spiritualistin sei, die ebenfalls (wie auch er) eine gute Show darbieten könne. Er offenbart sich als Skeptiker und verweigert sich zunehmend dem Gespräch mit ihr, verlangt nach Malcolm als Gesprächpartner. Dennoch überrascht uns Ethan, als er gesteht, dass auch er an eine Zwischenwelt glaubt, die zwischen dem, was wir kennen, und dem, was wir fürchten, existiert. Vanessa lässt ihn wissen, dass es diese Zwischenwelt war, in der sie sich in der Nacht zuvor bewegt hätten, und dass einige Lebewesen dazu verflucht seine, ewig in dieser Welt zu vegetieren. Nachdem Ethan erfährt, um was sich Murrays Suche dreht, und dass Vanessa ihren Anteil an diesem Unterfangen nicht preisgeben möchte, lehnt er jedoch eine Anstellung als Söldner ab. Vanessa nennt ihn dafür weise, unterlässt es aber nicht, ihm zu sagen, dass er wohl auch für das Leben als Schauspieler gemacht sei. Sie bittet ihn zu guter Letzt eine Tarotkarte zu ziehen: überlegt und nicht die erstbeste. Ethan zieht die Liebenden, und Vanessa scheint sichtlich amüsiert darüber.

In Szene zwölf erfahren wir, dass Malcolm wohl mit Absicht Vanessa auf Ethan angesetzt hat, um ihn weiterhin für ihre Unternehmungen zu buchen. Er ist sich sicher, dass Ethan London nicht verlassen und zurückkehren wird. Er erinnert Vanessa an einen Termin, den sie in einer Stunde haben („amongst dead things“) und blickt auf ein Bild, das zwei Kinder zeigt (untermalt von einer schicksalsschwangeren Musik). Da ich die zweite Folge bereits kenne, kann ich mir denken, dass diese Kinder und ihr Schicksal noch wichtig im Verlauf der Serie werden. Bei dem Mädchen wird es sich wohl um Mina handelt, der Junge kommt definitiv in Folge 2 zur Sprache. Auch hier wird ein weiteres dunkles Geheimnis angedeutet, das etwas an der integren weltmännischen Fassade des Mister Murrays kratzt.

Szene dreizehn teilt uns zu Beginn über Schlagzeilen in einer Zeitung mit, dass die Angst einer erneuten Mordserie durch Jack the Ripper (!), der nur 3 Jahre zuvor London heimsuchte, umgeht. Die Kamera bewegt sich daraufhin zum British Museum im Hintergrund, in dessen Abteilung für Ägyptologie Mister Murray und Miss Ives auf Ferdinand Lyle treffen, den sie zu den Hieroglyphen auf dem Körper des Vampirs befragen möchten. Interessant ist in dieser Szene, dass Lyles Vorstellungen, was eine Dame wohl für anstößig halten könnte, nicht mit Vanessas forschen Verhalten zusammenpassen. Wieder quittiert sie Bemerkungen mit ihrem markanten Lächeln. Als sie sich einem Käfig mit Vögeln nähert, beginnen diese zu flattern und zu krächzen – als ob von Vanessa eine unheilvolle Aura ausgehen würde. Lyle übersetzt nur einen Teil der Zeichen und ist sichtlich schockiert über deren Inhalt. Bevor er sich weiterer Arbeit an diesem Fall widmet, möchte er seine beiden Gäste näher kennenlernen und lädt sie zu einer Feierlichkeit in seinem Hause ein. Dort, so verspricht er, wird er weitere Übersetzungen vornehmen.

Szene vierzehn bringt uns zurück an den Tatort im Armenviertel. Mir ist jedoch, ehrlich gesagt, nicht ganz klar, wie Ethan an diesen Ort kommt oder was er dort sucht. Er ist ergriffen und verstört von dem, was er sieht. Erkennt er den übernatürlichen Hintergrund des Ereignisses? Überzeugen sie ihn, sich doch als Kämpfer für das „Gute“ einzusetzen?

In Szene fünfzehn sehen wir Sembene, wie er Victor einen Anzug zusammen mit einer Einladung zum Essen in Murrays Explorer’s Club überbringt. Bevor Victor ihm die Tür öffnet, verdeckt er die Tür zu einem geheimen Raum und dreht allerlei Bücher, deren aufgeschlagene Seiten er nicht offenbaren möchte, auf die andere Seite. Noch wissen wir ja als Zuschauer nicht, welche Dinge in Victors Labor so vor sich gehen und in welche Abgründe ihn seine Nachschlagewerke führen.

Eine weitere Augenweide bietet uns anschließend Szene sechzehn, in der wir eine besondere Eigenart des 19. Jahrhunderts bestaunen können: Klubs, in denen sich Entdecker (wie Malcolm), Biologen, Anthropologen und Archäologen treffen, um sich über ihre Erkundungen und Eroberungen der Welt auszutauschen. Kolonialismus zum Anfassen! Malcolm scheint in Victor eine verwandte Seele gefunden zu haben: Beide müssen ihre Passion verfolgen, koste es, was es wolle; Wissen um jeden Preis. Doch Victor stellt schnell heraus, in was sich beide unterscheiden: Ihm liegt nichts daran, einen Berg zu bestiegen oder ein Gebiet zu kartografieren. Er sucht Wissen, um herauszufinden, was das Leben vom Tod trennt. Doch auch Malcolm zeigt uns hier etwas mehr von sich: Er ist ein Gentleman und stolz auf seine Errungenschaften in der Bezwingung des Planeten. Er hat den größten Teil seines Lebens in Afrika verbracht, und er scheint das Ungewisse einem ruhigen Leben vorzuziehen. Jedoch wirkt Malcolm auch verbissen in seiner Suche nach Mina, und er gibt freiwillig zu, dass er die gesamte Welt für sie umbringen würde. Bitterkeit unterlegt seine Worte. Er ist ein Mann, der für gewöhnlich das bekommt, was er will, und der stets darin erfolgreich war, sich die Welt Untertan zu machen. Glücklicherweise für ihn lässt sich Victor von seinem Angebot überzeugen und willigt ein, ihn mit seinen Fähigkeiten zu unterstützen.

Szene siebzehn zeigt uns Ethan, der in der letzten Minute doch von Zweifeln überkommen wird, ob er sich Vanessas und Malcoms Haus nähern soll. Woher seine Panik-Attacke kommt, ist mir etwas schleierhaft. Ist das eine Art posttraumatischer Schock, der erst jetzt seinen Körper ergreift? Wir sehen, wie Malcolm das Haus betritt und Ethan das Weite sucht.

Szene achtzehn begleitet Malcolm von draußen bis hoch in sein Schlafzimmer. Es regnet und das Licht flackert. Wie in jedem guten Horrorstreifen taucht eine junge Frau, nämlich Malcolms Tochter Mina, in einer Ecke des Zimmers auf, verwandelt sich im Bruchteil einer Sekunde in einen Vampir und verschwindet sogleich wieder. Wir wissen nicht, ob Mina nun bereits ein Vampir ist oder Malcolm dies nur befürchtet. Auch wurde uns noch nicht erklärt, wie genau Mina überhaupt entführt wurde. Ich schätze mal, dass dies in den kommenden Folgen nachgeholt werden wird.

Super interessant ist die anschließende Szene neunzehn, in der Malcolm und Vanessa über dessen vorherige Begegnung sprechen. Ein Geheimnis verbindet die beiden, weswegen sich Vanessa wohl auch an der Suche nach Mina beteiligt. Sie fühlt sich verantwortlich für das, was passiert ist (eine Art ‚Transgression‘, die sie begangen hat), doch Malcolm interveniert und sagt, dass man die Vergangenheit eben nicht wieder ungeschehen machen kann. Beide würden mit ihrer Schuld leben müssen. Malcolm erinnert sich an eine Löwenjagd, die ihm lehrte, dass sich die Unterscheidung zwischen Jäger und Gejagter recht schnell ändern kann. Welche Position nimmt er nun im Bezug zu Mina ein?

Mit Szene zwanzig endet diese Episode****. Victor, der im Regen nach Hause kommt und sich irgendwie verfolgt fühlt, reanimiert in seinem geheimen Labor (unbeabsichtigt?) einen Leichnam, den er an seinen Geräten angeschlossen hat, als ein Blitz in seinem Haus einschlägt. Auch hier erleben wir wieder eine sensationslose, naturalistische Darstellung des nackten männlichen Körpers, welche den Unterschied macht, ob man eine Serie als ‚glossy‘ (wie Supernatural) oder ‚gritty‘ bezeichnen kann. Die gesamte Szene ist die perfekte Umsetzung eines Schauerromans und setzt Licht und Schatten gekonnt zum Spannungsaufbau ein. Insgesamt ist das emotionale Schauspiel in dieser Szene ganz großartig! Die Annäherung zwischen Frankenstein und seiner Kreatur ist sehr behutsam und fast zärtlich.

Als Fazit bleibt mir für den Auftakt nur zu sagen, dass meine schlimmsten Befürchtungen zum Glück nicht eingetreten sind. Natürlich sind die Protagonisten leicht an Stereotypen angelegt, dies ist jedoch an die Verwendung von bereits existenten Romanfiguren und an den eigentlichen Titel der Serie geknüpft. Charaktere aus bekannten Geschichten bekommen neues Leben eingehaucht und werden in neuartiger Weise miteinander verbunden. Der Bezug zu bestehendem Material ist auch mein einziger Kritikpunkt an der Serie: Ich hätte mir etwas mehr bzw. ausschließlich ‚original material‘ gewünscht, da ich Vampire namens Mina und lüsterne Dorian Grays etwas leid bin. Vielleicht bin ich auch einfach verdorben von Dingen, die mir zu Unrecht Stunden meiner Lebenszeit gestohlen haben. Jedenfalls entzückt mich Eva Greens Darstellung ohne Gleichen, und ich freue mich sehr darauf, die Abgründe in Ethans Vergangenheit zu erkunden. Ein bisschen, das muss man sich eben eingestehen, leben viktorianische Narrativen der heutigen Zeit von Stereotypen wie dem Forscher, dem Wissenschaftler oder der Okkultistin. Die Rollenbesetzung füllt diese Hüllen jedoch mit Leben und überzeugender Darbietung. Ich bin sehr froh darüber, dass die Serie bei Showtime und nicht etwa CW o.ä. gelandet ist, denn nur so können wir uns auf weitere Folgen im dreckig-düsteren London des ausgehenden 19. Jahrhunderts freuen, die uns Geschichten fernab von Schnulz und Heranwachsenden-Romantik zeigen.


(*Das Intro ist visuell düster und auf eine gewisse Art erotisch. Gefährliche Tiere [Spinnen, Schlangen und Skorpione] werden ebenso wie mit Blut gefüllte Teetassen, Fledermäuse und Momentaufnahmen der Hauptdarstellern in Szene gesetzt. Die Musik ist atmosphärisch ansprechend und erinnert mich etwas an Coppolas Dracula.)

(**Ja, ich weiß, dass Ethan Chandler nicht General Custer selbst in der Show darstellt.)

(***Natürlich wartet er auf die beiden, aber zuvor interagiert er dennoch mit einer der Bediensteten.)

(****Unterbrochen wird die Szene von einer weiteren Betstunde von Miss Ives, bei der diese es schafft, zwei Kerzen im Raum zu levitieren und ein Meer aus Spinnen aus einem umgedrehten Kreuz an der Wand strömen zu lassen. Die Kontrolle über ihre (bösen?) Kräfte scheint zu schwinden. Ihre Anrufungen Gottes wirken panischer als noch zu Beginn der Episode.)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s