Penny Dreadful: 01×02 „Séance“

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Nachdem ich mir einige Gedanken zu den Opening Credits der Serie gemacht habe, muss ich doch etwas Kritik loswerden: Obwohl ich sowohl Musik als auch Ästhetik passend zum dargestellten Zeitalter finde, ist mir das Ganze stellenweise doch etwas zu ‚overpolished‘. Im Gegensatz zu den Opening Credits von Dexter, die einen starken Bezug zu Dexters Alltag besitzen und seine ‚morning routine‘ lediglich etwas doppeldeutig beleuchten, arbeitet das Intro von Penny Dreadful fast ausschließlich mit (Sinn-)Bildern. Der Titel der Serie und die darin auftretenden Figuren hätten es ebenso zugelassen, das Thema Literatur (klassische wie Groschenromane) mit einzubinden, um so den eigentlichen Inhalt besser abzubilden.

Mein erster Review war relativ ausführlich – vor allem, weil es sich um eine neue Serie und deren erste Folge handelte – doch möchte ich in meinem zweiten Review ein wenig präziser zusammenfassen und kommentieren (vielleicht hole ich dann auch endlich wieder auf).

Das übergreifende Thema dieser Episode scheint für mich ‚Sünde‘ bzw. der Gegensatz zwischen Sünde und Unschuld zu sein. Die Vergehen (meist vergessene und verdrängte) der einzelnen Charaktere werden vage angedeutet und nur soweit aus den Schatten ans Tageslicht gezogen (siehe besonders die letzte Szene), dass wir einen kurzen Blick auf ihre Abgründe erhaschen konnten. Die wahren Ausmaße dieser Sünden werden wir jedoch wohl erst im Laufe der ersten Staffel ergründen können (wenn überhaupt).

Als eine Art kleines Unterthema in „Séance“ finden wir das ‚Erwachen‘, welches an Gefühle der Verwirrtheit, Ratlosigkeit und auch Angst gebunden ist. Für einen unserer Charaktere (Ethan) mag dieses Erwachen die Rückkehr von sündhaften Abenteuern bedeuten, für einen anderen (Proteus) das Zuwenden zu einer neuen Existenz der Unschuld und Unbefangenheit.

Ethan erwacht zu Beginn der Folge an den Docks (bzw. am Strand unterhalb) und wirkt, als könne er sich nicht mehr an die Geschehnisse der vergangenen Nacht erinnern. Zuletzt sahen wir ihn, als er recht aufgewühlt vom Haus des Herrn Murray davonstürmte und im regnerischen London abtauchte. Jetzt, am Morgen danach, blickt Ethan auf seine Handflächen, die von einigen recht tiefen Schnitten gezeichnet sind. Er wirkt verängstigt. Vielleicht ahnt er, dass er etwas Unlauteres getan hat? Kommt ihm diese Situation allzu bekannt vor? (Hören wir etwa ein „Not again!“ durch seine Gedanken spuken?) Als Szene direkt nach dem Intro und dem Cold Open, in dem eine Bordsteinschwalbe ihr Leben lassen musste, könnte dies eine direkte Verbindung darstellen.

In dieser Folge treffen Ethan und Brona schließlich aufeinander. Beide teilen sich Ethans Frühstückswhisky und schütteln sich, trotz Bronas offensichtlicher Infektion mit Tuberkulose (damals auch Schwindsucht genannt), kräftig die Hände. Brona gibt uns einen tieferen Einblick in das Leben eines Mädchens, welches mit den falschen Hoffnungen und Träumen nach London kam und schlussendlich von der Industrialisierung wegrationalisiert wurde. Immerhin kann sie ab und an eine Arbeit verfolge, „die noch nicht von Maschinen übernommen werden kann“.

Als Brona einen weiteren Auftrag dieser Art annimmt, landet sie bei einem gewissen Dorian Gray, der erst erotische Bilder von ihr aufnehmen lässt und dabei zusieht, beim Anblick ihres blutigen Auswurfs jedoch animalische Gelüste entwickelt und sich vor der Kamera zu einem sexuellen Akt hinreißen lässt. Im Gegensatz zu Ethan, der sich an Bronas Krankheit einfach nicht störte, scheint Dorian ihren Husten und das Blut irgendwie kinky zu finden. Er fragt sie, wie es sich als sterbende Kreatur so anfühlen und ob sie Schmerzen empfinden würde. Wer Dorian Gray bzw. seine Geschichte kennt, weiß, dass er unsterblich ist. Es würde also naheliegen, dass er keine Angst vor dem Tod verspürt und sich sogar auf sonderbare Weise von ihm angezogen fühlt. Vielleicht besitzt er gar eine unterschwellige Todessehnsucht? Einfühlsam ist er in seinem Unterfangen jedoch nicht, da Brona ihr mögliches baldiges Ableben bestimmt noch so lange verdrängen möchte, wie sie es nur kann – Dorians Fragen entblößen sie dabei stärker als die freizügigen Bilder, die gerade von ihr aufgenommen werden.

Im Polizeipräsidium (so nehme ich an) erkundigt sich Sir Malcolm Murray über den Ermittlungsstand der Spitalfield Murders (siehe erste Folge). Warum interessiert sich Murray für diesen Fall? Er warnt den Polizeichef davor, dass er sich womöglich nicht auf die Suche nach einem Mann, sondern nach einem Tier begeben müsse. Die Einzelheiten sind wahrlich grausam und, wie der Kriminalbeamte noch einmal hervorhebt, goldenes Material für alle Groschenromane da draußen. Nicht nur Details der Morde (es fehlen innere Organe der Opfer wie z.B. Leber, Niere oder Teile des Uterus), sondern auch der Tatort in den Spitalfields legen die Vermutung nahe, dass Jack the Ripper wieder zugeschlagen haben könnte (zwei seiner Opfer wurden ebenso in dieser Armengegend gefunden). Jack wird von der Polizeit jedoch als Täter ausgeschlossen. Dieses schnelle Abtun hat mich zuerst etwas verwundert, passt anscheinend aber zu der Handhabe der damaligen Zeit, in der nicht jeder weitere ähnliche Mord direkt dem Ripper zugeordnet wurde.

Mit unseren Gedanken noch bei einer unheiligen Kreatur, begleiten wir Ethan zum Empfang eines wichtigen Telegramms. Sein Vater lässt ihm ausrichten, dass er nach Hause in die USA kommen soll, da seine juristischen Probleme gelöst werden könnten. Der Federal Marshall sei bereits bezahlt, Ethan müsse also nicht länger davonrennen. Was aber hat Ethan Schlimmes zu Hause angerichtet? Meine Vermutungen verdichten sich, dass er in Europa eine sündige Tat oder gar ein sündiges Verhalten vergessen möchte. Aber ist es nicht vielleicht eine Eigenart, die Ethan nicht einfach so abschütteln kann?

Das Herzstück der Episode war – zumindest für mich – ganz klar das ‚Society Event‘ inklusive Séance. Besonders Eva Green konnte hier einfach nur glänzen! Ich war wirklich ziemlich beeindruckt von ihrer überzeugenden Performance. Mme. Kali möchte ich mal nicht als Fake hinstellen, da sie anscheinend bemerkt, dass sich eine weitere Entität im Raum befindet. Wohl eher ist es so, dass sie kleinere unwichtigere Seelen in ihren Körper einfahren lassen kann, Miss Ives macht’s hingegen nicht unter einer richtigen Gottheit, in dem Falle Amaunet (deutsche Schreibweise). Diese schlangenköpfige Gottheit wird hier als das weibliche Gegenstück zum Gott Amun aufgebaut. Viel Allgemeinwissen zu Amaunet gibt es wohl nicht (und mit Ägyptologie habe ich mich nie ernsthaft befasst), also bietet sich da für die Serie auch eine Art ‚blank slate‘, um diese Gottheit für ihre Zwecke zu benutzen. Falls doch mehr an den Hieroglyphen sein sollte, möge man mich korrigieren.

Als Medium setzt sich Vanessa ebenfalls mit den Sünden der Vergangenheit auseinander – mit einem speziellen Fokus auf Sir Malcolm Murray. Zuerst scheint sie in Zungen zu sprechen, es könnte sich dabei aber auch um einen afrikanischen Dialekt handeln, den Murray bereits auf seinen Reisen durch Afrika kennengelernt hat. Er scheint die Sprache jedenfalls zu (er)kennen. Mein Gedanke war, dass es sich eventuell um die Worte eines Medizinmannes oder eines (Voodoo-)Priesters handeln könnte.

Nach dieser ersten Personifikation wechselt Vanessa zu einer Kinderstimme. Handelt es sich dabei um Malcolms Sohn, den wir auf einem Foto in der vorherigen Folge gesehen haben? „Vanessa“ spricht über ihre Zeit in Afrika an Malcolms Seite und erzählt von ihrer Angst, als die Gepäckträger nach und nach wie die Fliegen starben. Die Person, die ihren Körper bewohnt, berichtet über grausame Einzelheiten: über blutigen Stuhl, Scham und Hilflosigkeit. Sie skizziert so das Bild eines qualvollen Todes im Herzen der Finsternis. Dies war durchaus eine Realität für Entdecker des 19. Jahrhunderts, zeigt sich in dieser persönlichen Geschichte jedoch als das tragisches Ende für einen kleinen Jungen, der seinen Vater begleiten und um dessen Aufmerksamkeit wetteifern wollte. Will you name a mountain after me? Are you proud of me? Vanessas Worte lassen einem das Blut in den Adern gefrieren. Murrays zwanghafte Gier nach Ruhm und sein Wunsch, sich die Welt Untertan zu machen, wurde ohne Zweifel auf dem Rücken, nein, auf den Leichnamen seiner Familie ausgetragen. Das ist die Kehrseite seines erfolgreichen Lebens. Die Sünde, mit der er zu leben hat.

Es ist nicht ganz klar, ob Vanessa eine dritte Personifikation einnimmt, als sie dieses Lied anstimmt:

The wind doth blow today, my love,
And a few small drops of rain;
I never had but one true-love,
(In cold grave she was lain.)

„The Unquiet Grave“ ist ein Volkslied aus dem 15. Jahrhundert, in dem es um einen Trauernden geht, der den Tod seiner Liebsten nicht verwinden kann und daher so sehr um sie weint, dass diese nicht zur Ruhe kommt und ihn bitten muss, sie endlich gehen zu lassen. Ich schätze daher, dass Malcolm auch seine Frau unter tragischen Umständen verloren haben könnte. Vielleicht geht es aber erneut um Malcolms Sohn, der langsam ins Reich der Toten entgleitet und dessen Ableben Malcolm nicht bewältigen kann. Sein erschrockenes Gesicht, als Vanessa ihn fragt, ob er nun einen Berg nach ihm/ihr benannt habe, könnte jedoch darauf hindeuten, dass Malcolm um zwei unterschiedliche Menschen trauert, die sich hier Vanessas Körper teilen.

Die letzte Phase, in der Vanessa as Medium agiert, ist wohl die verwirrendste:

Father, Mina’s waiting!

Man, animal, creature, betrayer!

Find me, father!

Cunt, cunt, cunt!

Vanessa gibt hier so einiges von sich, lässt ihre Haare herab, kriecht über den (nun zersprungenen) Spiegeltisch und stellt sich sogar dämonenhaft darauf in dessen Mitte. Spricht sie als Mina? Wenn ja, spricht sie als Kind, als junge Frau oder als bereits Besessene oder gar als Vampir? Vanessa erwähnt sich selbst in der dritten Person: Sie habe Malcolm dabei erwischt, wie er „eine Fotze gevögelt habe“. Aber um wen genau geht es da? Und wie ist nun Vanessas Beziehung zu Malcolm?

Nach diesem fulminanten klimaktischen Eklat verschwindet Vanessa und nimmt auf dem Nachhauseweg im Regen noch schnell einen Quickie mit einem Seemann mit. Wahrscheinlich ist sie erst am Morgen danach wieder ganz bei Sinnen. Malcolm scheint ihr die Nummer wohl nicht übel zu nehmen, immerhin schaut er kurz nach ihr, als sie ihren „medialen Rausch“ in ihrem Bett ausschläft. Zusammen mit Lyle kann Malcolm am darauf folgenden Tag jedoch erörtern, dass die Hieroglyphen auf der Haut des Übervampirs eine nie zuvor dagewesene Verbindung von Amaunet und Amun-Ra zeigen: Wiedergeburt, ewiges Leben, das Monster im Verborgenen und die Ankunft des Teufels – all das scheint sich hier zu vereinigen. Vanessa wird, wie ich es mir zuvor schon dachte, von etwas verfolgt und heimgesucht. Hunted by the devil.

In der letzten Szene der Episode wird schließlich auch noch die große Sünde des Victor Frankensteins freigelegt: Nicht nur, dass er einen Leichnam wieder zum Leben erweckte, Proteus ist nicht einmal sein erster „Sohn“. Seine erste erschaffene Kreatur (Caliban, wie wir in der nächsten Folge erfahren) zerteilt Proteus wortwörtlich und tritt durch seinen leblosen Körper aus den Schatten, um seinen „Vater“ von seiner Rückkehr zu unterrichten.


Random Facts & Musings:

  • Der perfekte grüne Apfel, den das Straßenmädchen im Cold Open verzehren möchte, ist ein furchtbarer Anachronismus. Es handelt sich hier augenscheinlich um einen Granny Smith, welche als Sorte zwar bereits 1868 ‚entdeckt‘, aber erst 1890 der Öffentlichkeit vorgestellt und gegen 1935 in England eingeführt wurde. #theotherkindofapplegeek
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