Welches Vögerl hätten S‘ denn gern?

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Völlig vergessen, hier nen Link zu setzen: Vor etwa 2 Wochen habe ich für Zockwork Orange eine Review geschrieben:

Hatoful Boyfriend – Horror in Pink

Mehr gibt’s nach dem Link (oben) oder nach dem Cut (unten). Viel Spaß!

Disclaimer: Der Artikel enthält ein paar kleinere Spoiler, die sich leider nicht ganz vermeiden ließen.


»Hatoful Boyfriend« ist ein Spiel, das allein schon aufgrund seines Titels recht tongue-in-cheek daherkommt. Immerhin spielt der Name auf sowohl heartful als auch hurtful an und schafft mit dem Einbinden von hato (鳩), dem japanischen Wort für Taube, einen ganz direkten Bezug zum Spiel.

Bei »Hatoful Boyfriend« handelt es sich um eine Visual Novel (auch bekannt als „japanisches Adventure“) und keine reine Dating Simulation, wie ich noch bis vor meiner ersten Testrunde in naiver Vorfreude angenommen hatte. Die in dieser Review abgebildeten Screenshots geben daher einen guten Einblick in das Spiel, welches sich nämlich durch einfache Standbilder und bildschirmausfüllende Textblöcke auszeichnet. Die Genre-Bezeichnung „Adventure“ ist für SpielerInnen aus dem westlichen Kulturkreis allerdings ein wenig irreführend: Es müssen weder Gegenstände eingesammelt oder benutzt werden, noch stößt man auf Rätsel, die gelöst werden müssen, um voranzukommen.

Im Spiel muss ich mein Aussehen nicht wie in einer Ren’ai-Simulation (der offiziellere Name von Dating Sims) durch Sport verbessern oder Geld anhäufen, um den Jungen meiner Träume für mich zu gewinnen. Ich klicke mich hier durch ein Ren’ai-Adventure*, bei dem bestimmte Entscheidungen einen Handlungspfad ebnen. Es gibt trotz allem Charakterwerte, die denen der Simulationen ähneln, welche sich beispielsweise durch die Teilnahme an gewissen Unterrichtsstunden verbessern lassen (z.B. Charisma durch den Musikunterricht). Die Höhe der Werte mag mitunter Auswirkungen darauf haben, welcher der feschen Vogeljungs schlussendlich auf mich fliegt, vor allem aber bestimmt die Anwesenheit in den einzelnen Kursen, auf welchen meiner Mitschüler ich überhaupt erst treffe.

Ren’ai (恋愛) bedeutet Liebe – und um diese geht es auch in »Hatoful Boyfriend«, irgendwie. Explizite Sexszenen werden nicht geboten, und auch neckische Schnäbeleien sind nicht Teil des interspeziellen Austauschs. Interessant ist hier eine sprachliche Ebene im Deutschen, die so im Japanischen und Englischen nicht rüberkommt: Es geht schließlich um Vögeleien, Mensch! Auch der zoophile Unterton des Spiels wird nicht einmal mit einem Augenzwinkern bedacht. Alles dreht sich einfach nur um eine Handvoll Jungs – die wahlweise auch in ihrer imaginierten menschlichen Gestalt neben den Vogel-Porträts angezeigt werden können.

Ich lasse mich also auf diesen merkwürdigen interaktiven Roman ein: Zu Beginn denke ich mir einen Namen aus und starte im neuen Schuljahr am renommierten St. PigeoNation’s Institute. Ich bin dort die einzige menschliche Schülerin, und auch sonst scheine ich der letzte verbliebene Mensch weit und breit zu sein. Die herrschende Spezies auf dem Planeten sind Vögel – ziemlich gutaussehende sogar – und ich friste mein klägliches Dasein fernab der Schule in einer, wie es scheint, unmöblierten Höhle, vor der ich mir abends ein Feuer anzünde und eigens erlegtes Wild verspeise.

Es dauert etwa 5 Minuten, bis ich die erste Entscheidung innerhalb des Spiels treffen kann und mich für eine der drei Unterrichtsstunden (Mathe, Sport oder Musik) entscheiden muss. In meinem ersten Spiel will ich das Ganze einfach auf mich zukommen lassen und treffe daher Entscheidungen ganz nach aktueller Laune. Dieser Weg führt mich über eine vereitelte Schlägerei mit Tauben-Punks und das Zusammenführen zweier entfremdeter Liebender (die beide ehemals einer Biker Gang, den Hell’s Birdies, angehörten) bis zum schüchternen Nageki, der sich als Geist der Bücherei entpuppt und vor meinen Augen verschwindet, nachdem wir uns beide unsere Liebe gestanden haben.

Das Thema Selbstmord wird wie selbstverständlich erwähnt und nicht weiter kommentiert: Nageki fühlte sich im Leben ausgegrenzt und einsam, was ihn schlussendlich davon überzeugte, dass nur der Tod sein Leiden beenden könnte. Zu diesem Zeitpunkt kommen mir die ersten Zweifel, ob es sich bei »Hatoful Boyfriend« wirklich um ein so harmloses Spiel handelte, wie es die Weichzeichnungen und die vielen pinken Herzchen vermuten lassen.

Meinen ersten gezielten Durchgang richte ich ganz auf meinen besten Freund Ryouta aus. Ich überlasse ihm meinen Job im Torimi Café, in dem ich zuvor noch Rabu und Azami miteinander vereinte, verbringe jede freie Minute mit ihm und erfahre so die traurige Geschichte seiner kränklichen Mutter, die Ryouta durch seine unterschiedlichen Jobs finanziell zu unterstützen versucht. Am Ende, nachdem seine Mutter im Krankenhaus verstorben ist, finden Ryouta und ich zusammen. Auch hier erspart uns »Hatoful Boyfriend« weder Melancholie noch tiefsinnige Gedanken: Mein Taubenfreund weiß, dass er lange vor mir sterben muss, und versucht daher, mir eine gemeinsame Zukunft auszureden. Ich kann ihn jedoch davon überzeugen, dass der Tod zum Leben dazugehört und wir lernen müssen, für den Moment zu leben.

Um der durchdringenden Traurigkeit meiner ersten beiden Liebeleien zu entfliehen, möchte ich mich im dritten und vorerst letzten Durchgang an etwas Verbotenes wagen: Ich möchte einen der Erwachsenen für mich gewinnen. Ich schwanke zuerst zwischen meinem trotteligen Mathe-Lehrer Kazuyaki Nanaki und dem zwielichtigen Schuldoktor Shuu Iwamine, entscheide mich jedoch für die unbekannte Gefahr des Letzteren.

Wählte ich im ersten Durchgang noch eine Beschäftigung in der Bücherei als außerschulische Aktivität und im zweiten Durchgang als Vize-Präsidentin des Schülerrats, so finde ich mich nun als Gehilfin im Krankenzimmer der Schule wieder und gehe dort Shuu sowie einem weiteren Schüler, Sakazaki Yuuya, zum Flügel … äh, zur Hand. Was ich zu Beginn des Spiels für einen gruseligen Scherz hielt, setzt sich nach und nach zu einem albtraumhaften Bild zusammen: Immer wieder verschwinden Schüler des St. PigeoNation’s Institute, und Shuu soll etwas damit zu tun haben. Der Schülerausweis, den ich eines Tages auf dem Gang finde und leichtsinnigerweise bei Shuu abgebe, ist das erste direkte Indiz dafür. Als auch Yuuya verschwindet, weiß ich als Spielerin bereits, was Sache ist, freue mich als Charakter jedoch über meine großzügigen Weihnachtsgeschenke von Shuu: eine edle weiße Schreibfeder und einen fetten „Truthahnbraten“.

Natürlich wird schnell klar, was wirklich passiert ist: Als ich nach den Ferien im Krankenzimmer vorbeischaue und einen merkwürdigen Geruch wahrnehme, entdecke ich hinter einem Vorhang blutige Laken, eine Geflügelschere und einige Federn. Shuu hat meine Anwesenheit bemerkt und bringt mich in eine bedrohliche Lage, aus der ich nicht mehr zu entfliehen vermag. Nachdem er mir offenbart hat, dass ich selbst es war, die Yuuya verspeist hat, beendet er auch mein Leben. Er verspricht immerhin, meinen Kopf als Andenken an unsere Liebe zu behalten.

War ich nach meiner ersten Testrunde noch enttäuscht darüber, dass mir in »Hatoful Boyfriend« so wenig Handlungsraum gegeben wird, finde ich mit jedem Durchspielen mehr Gefallen am Genre der Visual Novel. Hat man einmal für sich akzeptiert, dass die Geschichte und nicht das ständige eigene Eingreifen im Vordergrund steht, entdeckt man bei jedem neuen Durchgang andere Facetten des Spiels, lernt neue Vögel kennen und schaltet tatsächlich auch weitere Geschichtsstränge und Entscheidungsoptionen frei. Die drei von mir erspielten Enden und das Happy-End für die beiden Ex-Biker machen laut Steam 25% der möglichen Ausgänge aus. Ich bin völlig spoilerfrei an das Spiel herangegangen, habe jedoch bei der Vorbereitung dieser Review einige Informationen einholen müssen und dadurch erfahren, dass »Hatoful Boyfriend« (wenn man es zulässt) einen noch dunkleren Weg als den zuletzt von mir gespielten einschlagen kann.

Wer denkt, dass es sich hierbei um ein dämliches zuckersüßes Spiel handelt, bei dem man auf dem Schulhof mit ein paar Tauben turtelt, irrt also gewaltig. Hat man sich einmal an das recht eigensinnige Setting und den teilweise pennälerhaften Humor gewöhnt, kann man sich an einem kurzweiligen, überraschenden und minimal strategischen Spiel erfreuen – für Fans des Makaberen eine ausgesprochene Empfehlung.


* Wikipedia sagt mir, dass 70 % aller PC-Computerspieltitel in Japan zu diesem Genre gehören. Holy moly.

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