Penny Dreadful: 01×03 „Resurrection“

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In der dritten Episode von Penny Dreadful gibt es wieder mal eine sich durch die Narrative ziehende Dichotomie: dieses Mal Rettung und Vernachlässigung. Nebenbei könnte man ebenfalls einen Fokus auf Kreaturen und Monster vermuten, die in den verschiedensten Formen in dieser Folge auftauchen.

Wir erhalten gleich zu Beginn einen starken Bezug zu einer der literarischen Vorlagen der Serie, nämlich Frankenstein. Das Monster darf in einem langen Monolog über sein Leben, seine Ängste, sein Leid und auch seine Bedürfnisse reden. Wie Murrays Kinder, die in „Séance“ zur Sprache kamen, wurde auch Frankensteins Kreatur im Stich gelassen und verzweifelt nun an vielen Dingen in dieser Welt.

Cinematografisch und narrativ schön gemacht finde ich die kleine Reise, auf die wir als Zuschauer mitgenommen werden, als wir die viktorianische Welt durch die Augen der Kreatur namens Caliban entdecken dürfen. Anders als erwartet geriert sich dieser als äußerst gebildet und empfindsam. Seine Suche nach Liebe bringt ihn schließlich dazu, Proteus (wohl angelehnt an gr. πρῶτος – Erster) zu beseitigen, um seinem „Vater“ dessen Schande vor Augen zu führen und ihn an seinen wahren „ersten Sohn“ zu erinnern. Doch auch Caliban (der „Wilde“ aus Shakespears Der Sturm) wird seinem Namen durch sein Eigenstudium und Streben nach Höherem eher nicht gerecht. Seine Auferstehung – sein Auftreten als Protagonist in Frankensteins Leben und seine vorangegangene Emanzipation – reflektiert daher maßgeblich den Titel dieser Episode.

Ethan erlebt seine eigene Form der Rückkehr, indem er nun doch weiterhin als Söldner für Murray und Ives arbeiten möchte. Er, der zu Brona nun auch eine körperliche Beziehung aufgebaut hat, scheint sich sehr um deren Wohlergehen zu sorgen. Mein Gedanke war, dass er vielleicht am Geld für seine Dienste interessiert ist, um damit Brona unterstützen zu können. Wenn dies zutreffen sollte, würde Ethan im Gegensatz zu Frankenstein als Retterfigur auftreten. Wenn man die Dichotomien von Rettung und Vernachlässigung als Taten auf darunterliegende Gefühle herunterbricht, nämlich die der Zurückweisung und die der Akzeptanz, dann akzeptiert Ethan Brona mit all ihren Fehlern als imperfektes Wesen, während Frankenstein seinen ersten menschlichen Entwurf wie ein zerknülltes Stück Papier zur Seite geworfen und seine Skizze von Neuem begonnen hat.

Da Tierstimmen Miss Ives zu der Annahme verleiteten, dass Murray & Co. im London Zoo fündig werden würden, findet dort auf ihrer Suche nach Mina ein wichtiger offenbarender Moment statt. Umzingelt von mehreren knurrenden Wölfen schlägt sich Ethan tapfer nach vorne und zeigt keinerlei Scheu; selbst dann nicht, als einer der Wölfe seine hingehaltene Hand mit seinen scharfen Zähnen umschließt und ein beherztes Zubeißen andeutet. Dies sind sicherlich keine normalen Wölfe, das wird dem Zuschauer schnell klar. Kombiniert man nun Ethans Geheimniskrämerei, seine Flucht aus den USA und seine Blackouts, die ihn morgens mit Verletzungen aufwachen lassen, so könnte man davon ausgehen, dass Ethan sich ab und an auch in ein Pelztier verwandelt.

Im Zoo, wo es bekanntlich vielerlei Kleingetier gibt, stößt die Truppe zwar nicht auf Mina, jedoch findet sie einen jungen Vampir (zumindest einen Vampir, der im Körper eins recht jungen Mannes auf die Welt gekommen ist). Während seiner Befragung in Murrays Keller kommen weitere Puzzlestücke von Vanessas Vergangenheit ans Tageslicht. Hat sie ihren Körper etwa für Essen verkauft? What’s her story, anyway? Eva Green brilliert erneut als Anti-Goth-Queen; sie ist nicht düster und sexy, sondern wirkt übernächtigt und verhärmt. Langsam wird klar, dass Mina nicht nur als MacGuffin verwendet wurde, um eben die Handlung voranztreiben, sondern sie entpuppt sich vielleicht sogar auch als Red Herring, der vom eigentlichen Objekt von Interesse, nämlich Vanessa Ives, ablenken sollte. Inwiefern Mina weiterhin wichtig für den Kern der Story ist, bleibt also noch zu sehen.

Ich bleibe bei meiner anfänglichen Einschätzung, dass sich Penny Dreadful als solide Horror-Serie beweisen kann, die zwar mit einer etwas schwächelnden Geschichte, dafür jedoch mit exzellenten Schauspielern aufwarten kann. Solange Josh Hartnett als Werwolf zu sehen sein wird und eines Nachts über Miss Ives herfällt, bin ich einigermaßen milde gestimmt.


Fun Facts & Musings

  • Sweeney Todd und die ‚penny dreadfuls‘ werden in dieser Episode direkt erwähnt. In diesem Zusammenhang fällt auch der Begriff ‚perpetual resurrection‘ (also: fortwährende Wiedergeburt), was sowohl auf die Unsterblichkeit der Antagonisten in Groschenromanen als auch auf den Episodentitel verweist.
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Penny Dreadful: 01×02 „Séance“

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Nachdem ich mir einige Gedanken zu den Opening Credits der Serie gemacht habe, muss ich doch etwas Kritik loswerden: Obwohl ich sowohl Musik als auch Ästhetik passend zum dargestellten Zeitalter finde, ist mir das Ganze stellenweise doch etwas zu ‚overpolished‘. Im Gegensatz zu den Opening Credits von Dexter, die einen starken Bezug zu Dexters Alltag besitzen und seine ‚morning routine‘ lediglich etwas doppeldeutig beleuchten, arbeitet das Intro von Penny Dreadful fast ausschließlich mit (Sinn-)Bildern. Der Titel der Serie und die darin auftretenden Figuren hätten es ebenso zugelassen, das Thema Literatur (klassische wie Groschenromane) mit einzubinden, um so den eigentlichen Inhalt besser abzubilden.

Mein erster Review war relativ ausführlich – vor allem, weil es sich um eine neue Serie und deren erste Folge handelte – doch möchte ich in meinem zweiten Review ein wenig präziser zusammenfassen und kommentieren (vielleicht hole ich dann auch endlich wieder auf).

Das übergreifende Thema dieser Episode scheint für mich ‚Sünde‘ bzw. der Gegensatz zwischen Sünde und Unschuld zu sein. Die Vergehen (meist vergessene und verdrängte) der einzelnen Charaktere werden vage angedeutet und nur soweit aus den Schatten ans Tageslicht gezogen (siehe besonders die letzte Szene), dass wir einen kurzen Blick auf ihre Abgründe erhaschen konnten. Die wahren Ausmaße dieser Sünden werden wir jedoch wohl erst im Laufe der ersten Staffel ergründen können (wenn überhaupt).

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Penny Dreadful: 01×01 „Night Work“

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Vanessa Ives

 

 

 

 

 

 

 

 © Showtime

Explorer Sir Malcolm Murray, American gunslinger Ethan Chandler, and others unite to combat supernatural threats in Victorian London.

Mit diesem kurzen Snippet fasst IMDb Penny Dreadful für interessierte neue Zuschauer zusammen. And others? Diese Formulierung erscheint etwas befremdlich, wenn wir gleich neben dieser Kurzbeschreibung das süffisante Lächeln von Eva Greens Charakter Vanessa Ives erblicken. Diese Miss Ives ist es nämlich, die sich für mich recht schnell als eine der wichtigsten Personen dieser Serie herausstellte. Doch ich fasse erst einmal die Basics zusammen.

Die Hauptcharaktere von Penny Dreadful sind wie folgt:

  • Vanessa Ives (Eva Green)
  • Sir Malcolm Murray (Timothy Dalton)
  • Ethan Chandler (Josh Hartnett)
  • Dr. Victor Frankenstein (Harry Treadaway)
  • Brona Croft (Billie Piper)
  • Dorian Gray (Reeve Carney)
  • Sembene (Danny Sapani)

Brona Croft taucht zwar erst in der zweiten Folge auf, interagiert sogleich aber mit zwei der anderen Hauptcharaktere. Für mich ist jedoch fragwürdig, inwiefern Dorian Gray als Hauptcharakter angesehen werden kann, und ob Sembene überhaupt noch einen eigenständigen Part in einem Dialog erhält. Hier sind sie zumindest alle auf einem Cast-Foto vereint:

Penny Dreadful: Cast

© Showtime

Insgesamt treten in der Serie also zwei weibliche Charaktere in prominenter Weise auf. Dem gegenüber stehen (zumindest laut meiner Auflistung) fünf männliche Charaktere. Das finde ich eigentlich nicht weiter schlimm, da Vanessa Ives eine recht zentrale Rolle in der Serie zukommt, und da sich die Serie schließlich mit literarischen Gestalten auseinandersetzt, die durch ihr Geschlecht bereits festgelegt sind (im Falle von Gray und Frankenstein).

Als Frage stellt sich allein, ob man andere weibliche Figuren des späten 19. Jahrhunderts für die Serie hätte auswählen können. Mina Murray, die wir für einen kurzen Moment sehen, fungiert hier eher als Plot Device. Als ‚Damsel in Distress‘ ist ihre eigentliche Person nebensächlich, und das Vorhaben ihrer Rettung illustriert Sir Malcolm Murrays Absichten und weitere Geschichte innerhalb der Serie.

Meiner Meinung nach ist Mina in dieser Rolle als Figur etwas verschwendet, da man sie als eine weitere Verkörperung von Weiblichkeit im viktorianischen Zeitalter hätte verwenden können. Während Vanessa als eigenständige Dame der höheren Gesellschaft gezeigt wird und Brona das typische ‚Working Girl‘ darstellt, ist die ursprüngliche Mina in Dracula nämlich das Sinnbild des ‚Angel in the House‘: intelligent, adrett, tugendhaft und fleißig. Dieses Ideal prägte damals das Frauenbild der Mittelklasse, welches als Kontrast zu Vanessa und Brona hätte aufgebaut werden können.

Natürlich lässt sich allgemein diskutieren, welche Demografie in Penny Dreadful abgebildet wird. Als Amerikaner fällt Ethan Chandler etwas aus dem Schema heraus, doch es wird angedeutet, dass er aus der Oberschicht stammt und durch den Verlust des Familienvermögens bis in die untere Mittelschicht oder gar Unterschicht abgerutscht ist. Sembene, der als exotischer Bediensteter zu sehen ist, gehört wie auch Brona zu jenem Teil der Gesellschaft, der mit den wenigsten Rechten und finanziellen Mitteln ausgestattet ist. Ives, Murray und Gray sind alle Mitglieder der Oberschicht. Allein Frankenstein ist mir noch ein Rätsel, da er in Mary Shelleys Roman als Schweizer aus gutem Hause beschrieben wird, er in Penny Dreadful jedoch in einem Arbeiterviertel wohnt und einer eher unrühmlichen Arbeit nachgeht. Vielleicht deuten seine teuren Gerätschaften aber auf eine edlere Herkunft oder die Tatsache, dass er zu einem anderen Zeitpunkt einmal mehr Geld besessen hat (wie auch Ethan Chandler), hin.

Das Alter der Charaktere ist erfrischend hoch angesetzt: Keiner der Schauspieler ist unter 30, und sowohl Eva Green als auch Billie Piper bezeugen mit ihren 34 bzw. 32 Jahren, dass man für die heutige Serienlandschaft auch interessante Frauen ohne perfekte Pfirsichhaut erschaffen kann. Besonders im Falle von Eva Greens harten Zügen und Billie Pipers fleckig geschminktem Gesicht fällt auf, dass dem Zuschauer mit Absicht eine Abkehr von der Romantisierung der engelsgleichen Frauengestalt geboten werden soll. Allein Reeve Carney darf als Dorian Gray einfach nur makellos sein; alle anderen Charaktere kommen mit einer gewissen herben Schönheit daher (als weiteres Beispiel wäre Sembenes eigenartig rituell-vernarbtes Gesicht zu nennen).

Das Cold Open von „Night Work“ verdeutlicht uns, dass das viktorianische Zeitalter kein romantischer Ort war: Jegliche Unschuld wird dahingerafft, und im Dunkel der Gaslampen warten allerlei Abgründe. Es ist dreckig, kalt und äußerst blutig in dieser Welt. In der anfänglichen Szene (wie später auch im Intro*) wird das beabsichtigte Genre-Paket der Serie (Drama, Horror, Mystery, Thriller) passend und wortwörtlich packend in Szene gesetzt.

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